Barrierefreie Webentwicklung in der Praxis: was dazugehört
Jeder Website-Besucher verdient ein gutes Nutzererlebnis – unabhängig davon, wie Ihre Inhalte wahrgenommen werden. Das gilt für eine sehbehinderte Person mit Screenreader genauso wie für einen Nutzer mit gebrochener Hand, der nur die Tastatur verwenden kann, oder jemanden, der bei hellem Sonnenlicht auf dem Smartphone surft. Barrierefreie Webentwicklung ist keine zusätzliche Aufgabe, die am Ende draufkommt, sondern eine grundlegende Herangehensweise, die von Anfang an mitgedacht wird. Es geht um saubere, robuste Entwicklung, die allen nützt – und die sich nahtlos in Ihren bestehenden Workflow integrieren lässt.
Barrierefreiheit beginnt in der Planung:
Der Grundstein für Barrierefreiheit wird in der Planungsphase gelegt – nicht erst beim Testen. Legen Sie früh fest, was „fertig“ bedeutet: Eine Seite ist erst dann fertig, wenn sie per Tastatur bedienbar ist, der Fokus sichtbar bleibt, Kontraste ausreichend sind, Überschriften eine logische Hierarchie bilden und Formulare verständlich sind.
Diese Anforderungen sollten nicht als nachträgliche Checkliste betrachtet werden, sondern als feste Akzeptanzkriterien in jedem Ticket stehen. Definieren Sie von Anfang an, wer wofür verantwortlich ist: Wer prüft die Farbkontraste im Design? Wer testet die Tastaturnavigation in der Entwicklung? Wer schreibt aussagekräftige Alt-Texte für Bilder und formuliert klare Linktexte? Diese Zuständigkeiten zu klären spart später Zeit und Missverständnisse. Barrierefreiheit wird so zum festen Bestandteil des Qualitätsstandards – genauso selbstverständlich wie Performance oder Responsivität.
Design & Inhalt – die größten Hebel
Das Design entscheidet maßgeblich darüber, ob Ihre Website für alle zugänglich ist. Achten Sie auf ausreichenden Kontrast: Dunkler Text auf hellem Hintergrund oder umgekehrt – aber vermeiden Sie schwache Kombinationen wie Hellgrau auf Weiß. Die Schriftgröße sollte ausreichend sein, und großzügige Abstände zwischen Elementen erleichtern die Bedienung, besonders auf Touchscreens.
Die Struktur Ihrer Inhalte ist ebenso wichtig wie deren Gestaltung. Verwenden Sie eine klare Überschriftenhierarchie: pro Seite eine aussagekräftige Hauptüberschrift (H1) und darunter logisch gegliederte Zwischenüberschriften (H2, H3). Diese Struktur hilft nicht nur Screenreader-Nutzern bei der Navigation, sondern macht Ihre Inhalte für alle leichter erfassbar. Linktexte sollten für sich allein verständlich sein – „Zu unseren Preisen und Paketen“ ist deutlich hilfreicher als „Hier klicken“ oder „Mehr erfahren“. Schreiben Sie außerdem in klarer, verständlicher Sprache: kurze Sätze, bekannte Wörter, aktive Formulierungen.
Bilder benötigen aussagekräftige Alt-Texte, die deren Funktion oder Inhalt beschreiben. Fragen Sie sich: Was ist die wichtige Information, die das Bild vermittelt? Rein dekorative Elemente bekommen ein leeres Alt-Attribut (alt=““), damit Screenreader sie überspringen und sich auf wichtige Inhalte konzentrieren können. Bei Formularen sind sichtbare Feldnamen (Labels) Pflicht – niemals nur Platzhaltertexte verwenden. Fehlermeldungen sollten klar formuliert und direkt beim betroffenen Feld angezeigt werden, damit Nutzer sofort verstehen, was zu korrigieren ist.
Geltungsbereich:
Gilt für alle Unternehmen, die mehr als 9 Beschäftigte haben oder deren Jahresumsatz 2 Millionen Euro übersteigt.
ONLINE -INTERAKTIONEN:
Webseiten, Plattformen, und Apps für den Austausch mit Kunden
Technische Umsetzung – robust von Anfang an
In der technischen Umsetzung gilt: Nutzen Sie die richtigen HTML-Elemente für ihre jeweiligen Zwecke. Links führen zu anderen Seiten, Buttons lösen Aktionen aus. Listen werden als <ul> oder <ol> ausgezeichnet, Tabellen nur für tatsächliche Datentabellen verwendet. Semantisches HTML ist die Grundlage für Barrierefreiheit – es kommuniziert die Struktur und Bedeutung Ihrer Inhalte an Browser und Hilfstechnologien.
Jedes interaktive Element muss mit der Tastatur erreichbar und bedienbar sein. Nutzer sollten mit Tab durch alle wichtigen Elemente navigieren, mit Enter oder Leertaste Aktionen auslösen und mit Escape Dialoge schließen können. Der Fokusrahmen, der anzeigt, wo man sich gerade befindet, muss immer deutlich sichtbar sein – entfernen Sie ihn niemals komplett. Die Reihenfolge, in der Elemente per Tab angesprungen werden, sollte der visuellen Reihenfolge entsprechen. Was auf der Seite nebeneinander oder untereinander erscheint, sollte auch im HTML-Code sinnvoll strukturiert sein.
Wenn sich Inhalte dynamisch ändern, ohne dass die Seite neu lädt – etwa „Produkt wurde in den Warenkorb gelegt“ – geben Sie eine kurze Statusmeldung aus, die von Screenreadern automatisch vorgelesen wird (ARIA Live Regions). Setzen Sie außerdem das Sprachattribut im HTML-Tag (lang=“de“), damit Screenreader die richtige Aussprache verwenden. Testen Sie regelmäßig, ob Ihre Seite bei 200% Browser-Zoom noch lesbar und bedienbar bleibt, ohne dass horizontales Scrollen nötig wird.
Pflege ist kein einmaliges Projekt
Barrierefreiheit ist kein Status, den man einmal erreicht und dann abhakt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Halten Sie eine Barrierefreiheitserklärung auf Ihrer Website bereit, die den aktuellen Stand dokumentiert und einen Kontakt für Feedback bietet. Diese Erklärung zeigt Transparenz und Engagement.
Planen Sie kleine, regelmäßige Verbesserungen ein, statt auf einen großen Relaunch zu warten. Wenn Sie neue Funktionen hinzufügen oder Inhalte aktualisieren, prüfen Sie gleichzeitig die Barrierefreiheit. So vermeiden Sie, dass sich über Monate oder Jahre unbemerkt Probleme aufstauen. Diese können später zu einem teuren und zeitaufwändigen Hindernis werden, das den gesamten Projekterfolg gefährdet.
Der Aufwand lohnt sich: Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst nehmen, gewinnen nicht nur neue Kunden und erschließen größere Zielgruppen, sondern bauen auch Vertrauen, Sympathie und Loyalität auf. Menschen erinnern sich an Websites, die einfach für sie funktionieren – und kommen gerne zurück.
Barrierefreie Webentwicklung ist kein nachträglicher Aufwand, sondern eine Investition in Qualität, Reichweite und Zukunftssicherheit. Mit der richtigen Herangehensweise – von der Planung bis zur kontinuierlichen Pflege – wird Barrierefreiheit zum selbstverständlichen Teil Ihres Entwicklungsprozesses.
BarriGo. unterstützt Sie dabei: Mit BarriGo.Live Inspect prüfen Sie Ihre Website systematisch auf technische Barrieren und erhalten konkrete Handlungsempfehlungen. Mit BarriGo.Policy erstellen Sie Barrierefreiheitserklärungen nach WCAG- und BFSG-Anforderungen. Wir machen Barrierefreiheit planbar und umsetzbar.