Anpassbar: So bleiben Struktur und Bedeutung erhalten
Was gemeint ist und warum es zählt
Die WCAG 2.1 Richtlinie 1.3 „Anpassbar“ (Adaptable) stellt sicher, dass Informationen und Bestandteile der Benutzeroberfläche den Nutzern auf verschiedene Weise präsentiert werden können, ohne dass dabei Bedeutung oder Funktionalität verloren geht. Mit dem BFSG 2025 wird dies für deutsche Unternehmen zur rechtlichen Pflicht.
Stellen Sie sich vor, ein blinder Nutzer besucht Ihre Website. Er verwendet einen Screenreader, der ihm die Inhalte vorliest. Wenn Ihre Website nicht anpassbar ist, hört er möglicherweise nur zusammenhanglose Wortfetzen – ohne zu verstehen, welche Informationen zusammengehören oder wie die Navigation funktioniert. Genau hier setzt die Richtlinie „Anpassbar“ an: Sie sorgt dafür, dass die Struktur und Bedeutung Ihrer Inhalte für alle Nutzer zugänglich bleibt, unabhängig davon, wie sie Ihre Website wahrnehmen.
Was bedeutet "Anpassbar" konkret?
Anpassbare Inhalte ermöglichen es Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, Ihre Website auf ihre individuelle Art zu nutzen. Dies ist weit mehr als nur ein technisches Detail – es geht um echte Teilhabe am digitalen Leben. Die Flexibilität Ihrer Website entscheidet darüber, ob ein Nutzer erfolgreich einkaufen, Informationen finden oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann.
Dies betrifft insbesondere Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, die Screenreader verwenden. Diese Software liest nicht nur Text vor, sondern übersetzt auch die Struktur Ihrer Website in verständliche Informationen. Wenn eine Überschrift nicht korrekt als solche ausgezeichnet ist, erfährt der Nutzer nicht, dass hier ein neuer Abschnitt beginnt. Das ist, als würde man jemandem ein Buch ohne Kapitelüberschriften vorlesen.
Nutzer mit motorischen Einschränkungen, die alternative Eingabegeräte benötigen, sind ebenfalls auf anpassbare Inhalte angewiesen. Sie navigieren möglicherweise nur mit der Tastatur, verwenden Spracheingabe oder arbeiten mit speziellen Schaltern. Für sie ist es essentiell, dass alle Informationen und Funktionen über verschiedene Eingabewege erreichbar sind.
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die eine vereinfachte Darstellung bevorzugen, profitieren von klar strukturierten und logisch aufgebauten Inhalten. Wenn Informationen chaotisch angeordnet sind oder wichtige Zusammenhänge nur visuell erkennbar sind, kann dies zu Verwirrung und Frustration führen.
Geltungsbereich:
Gilt für alle Unternehmen, die mehr als 9 Beschäftigte haben oder deren Jahresumsatz 2 Millionen Euro übersteigt.
ONLINE -INTERAKTIONEN:
Webseiten, Plattformen, und Apps für den Austausch mit Kunden
Die wichtigsten Erfolgskriterien im Detail
1.3.1 Info und Beziehungen (Level A)
Dieses Kriterium ist das Fundament der digitalen Barrierefreiheit. Es besagt, dass strukturelle Informationen, die visuell oder auditiv vermittelt werden, auch programmatisch verfügbar sein müssen. Das bedeutet, dass Hilfstechnologien wie Screenreader die Bedeutung und Beziehungen von Inhalten verstehen können.
Konkret bedeutet dies, dass Sie Überschriften korrekt mit <h1>, <h2>, etc. auszeichnen müssen. Ein Screenreader kann dann eine Navigation durch die Überschriften erstellen, sodass Nutzer schnell zu relevanten Abschnitten springen können. Listen müssen als <ul> oder <ol> strukturiert werden, damit klar wird, dass es sich um zusammengehörige Punkte handelt. Formulare benötigen <label> Elemente, die mit den Eingabefeldern verknüpft sind, und Tabellen müssen Kopfzeilen (<th>) haben, die den Inhalt der Zellen erklären.
Ein häufiger Fehler ist es, Überschriften nur visuell durch größere Schrift oder Fettdruck zu kennzeichnen. Für sehende Nutzer mag das ausreichen, aber ein Screenreader erkennt diese visuelle Formatierung nicht. Stattdessen liest er alle Texte in der gleichen monotonen Stimme vor, ohne zu signalisieren, wo neue Abschnitte beginnen. Das macht es praktisch unmöglich, die Struktur einer Seite zu verstehen.
1.3.2 Bedeutungsvolle Reihenfolge (Level A)
Die Reihenfolge, in der Inhalte im Quellcode stehen, bestimmt, in welcher Reihenfolge sie von Hilfstechnologien präsentiert werden. Dies ist besonders wichtig, da viele moderne Websites mit CSS-Layouts arbeiten, die die visuelle Anordnung völlig von der HTML-Reihenfolge trennen können.
Der Lesefluss muss logisch und nachvollziehbar sein. Das bedeutet, dass Sie Inhalte in sinnvoller Reihenfolge im HTML-Code strukturieren sollten. Navigationselemente gehören normalerweise vor den Hauptinhalt, und wichtige Informationen dürfen nicht nur über ihre Position kommuniziert werden.
Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Sidebar mit wichtigen Informationen, die visuell rechts neben dem Hauptinhalt erscheint. Wenn diese Sidebar im HTML-Code aber vor dem Hauptinhalt steht, hört ein Screenreader-Nutzer zuerst alle Sidebar-Inhalte, bevor er zum eigentlichen Artikel gelangt. Das wäre so, als würde man jemandem zuerst alle Fußnoten eines Textes vorlesen, bevor man mit dem Haupttext beginnt.
1.3.3 Sensorische Eigenschaften (Level A)
Anweisungen und wichtige Informationen dürfen nicht ausschließlich auf sensorischen Eigenschaften wie Form, Größe, visueller Position, Orientierung oder Klang basieren. Dies ist ein kritischer Punkt, der oft übersehen wird, aber enormous Auswirkungen auf die Nutzbarkeit hat.
Problematisch sind Anweisungen wie „Klicken Sie auf den grünen Button rechts“ oder „Hören Sie das Klingeln für weitere Informationen“. Menschen, die Farben nicht unterscheiden können, wissen nicht, welcher Button gemeint ist. Blinde Nutzer können die Position „rechts“ nicht lokalisieren, und gehörlose Nutzer hören das Klingeln nicht.
Besser wäre: „Klicken Sie auf den ‚Weiter‘-Button“ oder „Klicken Sie auf den ‚Anmelden‘-Button in der oberen rechten Ecke“. Hier wird die Funktion des Buttons genannt, zusätzlich zur Position. Dies hilft allen Nutzern, den richtigen Button zu finden, unabhängig davon, wie sie die Seite wahrnehmen.
1.3.4 Ausrichtung (Level AA)
In unserer mobilen Welt ist es essentiell, dass Inhalte sowohl im Hoch- als auch im Querformat funktionieren. Dies geht über responsive Design hinaus – es geht darum, dass Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen ihre Geräte in der für sie optimalen Ausrichtung verwenden können.
Menschen mit motorischen Einschränkungen haben möglicherweise ihr Tablet oder Smartphone fest montiert und können die Ausrichtung nicht ändern. Andere bevorzugen bestimmte Ausrichtungen, weil sie damit besser arbeiten können. Wenn Ihre Website nur in einer Ausrichtung funktioniert, schließen Sie diese Nutzer aus.
1.3.5 Eingabezweck identifizieren (Level AA)
Moderne Browser können Formulare automatisch ausfüllen, aber nur wenn sie verstehen, welchen Zweck ein Eingabefeld hat. Dies hilft nicht nur bei der Benutzerfreundlichkeit, sondern ist besonders wichtig für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder motorischen Einschränkungen, die das wiederholte Ausfüllen von Formularen als besonders belastend empfinden.
Formularfelder sollten ihren Zweck programmatisch mitteilen, beispielsweise durch das autocomplete-Attribut. So weiß der Browser, dass ein Feld für die E-Mail-Adresse, den Namen oder die Telefonnummer bestimmt ist, und kann entsprechende Vorschläge machen.
Praktische Umsetzung für Ihr Unternehmen
Die Umsetzung anpassbarer Inhalte beginnt mit einer gründlichen Überprüfung Ihrer HTML-Struktur. Verwenden Sie semantische HTML-Elemente, die Bedeutung transportieren: <header> für Kopfbereiche, <nav> für Navigation, <main> für Hauptinhalte, <article> für eigenständige Inhalte und <footer> für Fußbereiche. Diese Elemente helfen Hilfstechnologien dabei, die Struktur Ihrer Seite zu verstehen.
Bei der Formular-Optimierung ist es wichtig, dass jedes Eingabefeld ein aussagekräftiges Label hat. Verwenden Sie das <label>-Element und verbinden Sie es mit dem entsprechenden Input-Feld über die for– und id-Attribute. Für komplexere Formulare können Sie zusätzlich fieldset und legend verwenden, um verwandte Felder zu gruppieren.
Responsive Design bedeutet in diesem Kontext mehr als nur flexible Layouts. Ihre Website muss in allen Ausrichtungen und bei verschiedenen Zoom-Stufen funktionieren. Testen Sie Ihre Website bei 200% Vergrößerung und stellen Sie sicher, dass alle Inhalte ohne horizontales Scrollen zugänglich bleiben.
Das Testen mit Hilfstechnologien ist unerlässlich. Installieren Sie einen kostenlosen Screenreader wie NVDA und navigieren Sie durch Ihre Website, ohne den Bildschirm zu betrachten. Verwenden Sie nur die Tab-Taste, um durch interaktive Elemente zu navigieren. Diese Tests decken Probleme auf, die bei normaler Nutzung nicht sichtbar sind.
Rechtliche Bedeutung seit BFSG 2025
Seit dem 28. Juni 2025 sind anpassbare Webinhalte nicht nur eine Empfehlung, sondern gesetzliche Pflicht für alle Unternehmen, die digitale Dienstleistungen anbieten. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) macht WCAG 2.1 Level AA zum verbindlichen Standard, wobei viele Unternehmen bereits auf WCAG 2.2 setzen, um zukunftssicher zu bleiben.
Verstöße gegen diese Anforderungen können zu kostspieligen Abmahnungen und Bußgeldern führen. Noch wichtiger ist jedoch, dass Sie potenzielle Kunden verlieren, wenn Ihre Website nicht zugänglich ist. In Deutschland leben etwa 13 Millionen Menschen mit Behinderungen – das ist ein erheblicher Markt, den Sie nicht ignorieren können.
Die Rechtsprechung zeigt bereits deutlich, dass Gerichte digitale Barrierefreiheit ernst nehmen. Unternehmen, die ihre Websites nicht anpassbar gestalten, riskieren nicht nur rechtliche Konsequenzen, sondern auch erheblichen Imageschaden.
BarriGo. unterstützt Sie dabei, die Anforderungen an Anpassbarkeit systematisch zu prüfen und umzusetzen.
Mit BarriGo.Live Inspect können viele relevante WCAG 2.1-Kriterien (z. B. Struktur, semantisches HTML oder Formularbeschriftungen) direkt auf Ihrer Website identifiziert werden. Manche Anforderungen – wie die Beurteilung von Sinnzusammenhängen oder logischen Reihenfolgen – erfordern jedoch weiterhin eine fachliche Prüfung durch Menschen.
So kombinieren Sie automatisierte Prüfungen mit fundierter Expertise und sorgen dafür, dass Ihre Website Schritt für Schritt barrierefrei wird.
👉 Jetzt BarriGo. testen: Melden Sie sich kostenlos an und erleben Sie, wie einfach Sie visuelle Barrieren identifizieren und reduzieren können.