Lesbarkeit – Warum klare Sprache für alle entscheidend ist
Die WCAG 2.1 Richtlinie 3.1 „Lesbar“ (Readable) stellt sicher, dass Texte auf Websites für alle Menschen lesbar und verständlich sind. Mit dem BFSG 2025 wird dies für deutsche Unternehmen zur rechtlichen Pflicht – denn eine Website nützt niemandem, wenn die Texte nicht verstanden werden.
Stellen Sie sich vor, Sie lesen einen Text voller Fachbegriffe, langer verschachtelter Sätze und komplizierter Grammatik. Sie müssen jedes Wort mehrmals lesen, bleiben hängen und verstehen am Ende nicht, worum es geht. Diese Frustration erleben täglich Millionen von Menschen: Menschen mit Leseschwächen oder Legasthenie, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, nicht-muttersprachliche Sprecher oder einfach gestresste Nutzer, die schnell eine Information finden wollen. Für all diese Menschen ist klare, einfache Sprache nicht nur hilfreich – sie ist essentiell.
Warum ist WCAG 3.1 Lesbar so wichtig?
Lesbarkeit ist nicht nur ein Komforta-Feature für die wenigen – sie ist eine Grundvoraussetzung für digitale Teilhabe. Menschen mit Leseschwächen oder kognitiven Einschränkungen brauchen Texte, die sie beim ersten Lesen verstehen können. Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, scheitern an komplizierter Sprache. Aber auch sehende Menschen mit normaler Lesefähigkeit profitieren: Sie scannen Websites schneller, verstehen Inhalte besser und treffen schneller Entscheidungen.
Lesbare Websites haben nachweislich höhere Conversion-Raten, weniger Abbrüche und zufriedenere Nutzer. Aber darüber hinaus ist Lesbarkeit ein Zeichen von Respekt gegenüber Ihren Nutzern – sie zeigt, dass Sie ihre Zeit schätzen und ihnen helfen möchten, Ihre Inhalte zu verstehen.
Geltungsbereich:
Gilt für alle Unternehmen, die mehr als 9 Beschäftigte haben oder deren Jahresumsatz 2 Millionen Euro übersteigt.
ONLINE -INTERAKTIONEN:
Webseiten, Plattformen, und Apps für den Austausch mit Kunden
Die wichtigsten Erfolgskriterien von 2.4 Navigierbar
Sprache der Seite (Level A)
Die Hauptsprache jeder Seite muss programmatisch bestimmbar sein. Dies wird durch das lang-Attribut im HTML-Element erreicht.
Umsetzung:
- <html lang=“de“> für deutschsprachige Seiten
- <html lang=“en“> für englischsprachige Seiten
- <html lang=“fr“> für französischsprachige Seiten
Dies ist essentiell für Screenreader, die ansonsten die Sprache falsch erkennen und mit falscher Aussprache vorlesen. Ein deutschsprachiger Text, der als Englisch erkannt wird, wird unverständlich.
Best Practice:
- Überprüfen Sie das lang-Attribut in Ihrer Website
- Nutzen Sie automatische Spracherkennung in CMS-Systemen
- Dokumentieren Sie die richtige Sprache in Ihrem Deployment-Prozess
Sprache von Teilen (Level AA)
Wenn Textabschnitte in einer anderen Sprache als der Hauptsprache verfasst sind, muss dies gekennzeichnet werden. Dies betrifft Fremdsprachige Zitate, Produktnamen, Fachbegriffe oder Abschnitte, die bewusst in anderer Sprache geschrieben sind.
Beispiele für fremdsprachige Teile:
- Englisches Zitat in deutschem Text
- „Made in Germany“ oder „Best Practice“
- Lateinische Begriffe wie „etc.“ oder „ca.“
- Französisches Produktnamen-Zitat
Umsetzung mit HTML:
- <span lang=“en“>Best Practice</span> für einzelne englische Begriffe
- <blockquote lang=“en“>To be or not to be…</blockquote> für längere fremdsprachige Zitate
- <p>Das ist ein Test <span lang=“la“>et cetera</span> weiter.</p>
Ausnahmen:
- Eigennamen, die international bekannt sind
- Technische Begriffe, die in der Branche Standard sind
- Sprache ist unbekannt oder nicht relevant
Praktische Umsetzung
Einfache Sprache verwenden
Grundprinzipien einfacher Sprache:
- Kurze Sätze: Maximal 15-20 Wörter pro Satz. Ein Gedanke pro Satz.
- Kurze Wörter: Bekannte, einfache Wörter verwenden. „Nutzen“ statt „Inanspruchnahme“, „Hilfe“ statt „Assistenz“
- Aktive Form: „Wir helfen Ihnen“ statt „Hilfestellung wird geleistet“
- Einfache Struktur: Subjekt – Verb – Objekt. Keine Verschachtelung.
- Konkrete Beispiele: Abstraktionen durch konkrete Beispiele erklären
Beispiele:
Kompliziert: „Die Optimierung der Benutzererfahrung durch Implementation eines intuitiven Navigationsparadigmas trägt zur Steigerung der Konversionsraten bei.“
Einfach: „Eine klare Navigation hilft Kunden, schneller zu kaufen.“
Glossare und Erklärungen erstellen
Best Practices:
- Glossar-Seite: Zentrale Stelle für alle Fachbegriffe
- Inline-Erklärungen: Bei erstem Vorkommen erklären
- Tooltips: Kleine Erklärfenster bei Hover (auch per Tastatur zugänglich)
- Separate Erklärseiten: Detaillierte Erklärungen für komplexe Konzepte
- Konsistent: Gleiche Begriffe immer gleich erklären
Lesbarkeit messen
Tools zur Überprüfung:
- Flesch-Reading-Ease: Score 60-70 ist angestrebt (einfach verständlich)
- Gunning-Fog-Index: Sollte unter 10-12 Jahren liegen
- Dale-Chall-Readability-Score: Empfohlen: 8.9 oder niedriger
- Online-Tools: www.readability-score.com, hemingwayapp.com
Praktische Anwendung: Nutzen Sie diese Tools während der Content-Erstellung, nicht erst nachher. Passen Sie Texte an, bis Sie eine akzeptable Lesbarkeit erreichen.
Struktur und Formatierung optimieren
Visuelle Aufbereitung hilft beim Verständnis:
- Überschriften-Hierarchie: Klare Struktur mit H1, H2, H3
- Kurze Absätze: 2-4 Sätze pro Absatz
- Aufzählungen: Nutzen Sie Listen für mehrere Punkte
- Hervorhebungen: Wichtige Begriffe fett oder kursiv
- Whitespace: Ausreichend Platz zwischen Elementen
- Schriftgröße: Mindestens 14-16px für Körpertext
Mehrsprachige Inhalte richtig kennzeichnen
Wichtig für Screenreader:
- Jede Seite hat nur eine Hauptsprache mit lang-Attribut
- Fremdsprachige Teile mit lang-Attribut gekennzeichnet
- Sprache bei jeder Verwendung angegeben
- Nicht annehmen, dass der Browser die Sprache erkennt
Testing und Qualitätssicherung
Lesbarkeits-Tests:
- Lesen Sie Texte laut vor – klingen sie natürlich?
- Fragen Sie Nicht-Experten, ob sie verstehen
- Nutzen Sie Lesbarkeits-Tools
- Testen Sie mit Menschen mit Leseschwächen
Sprach-Attribute überprüfen:
- Ist lang-Attribut auf <html> gesetzt?
- Sind fremdsprachige Teile mit lang-Attribut gekennzeichnet?
- Sind Abkürzungen mit <abbr>-Element gekennzeichnet?
- Funktionieren Tooltips auch per Tastatur?
Glossar und Erklärungen:
- Sind alle Fachbegriffe erklärbar?
- Ist das Glossar leicht zu finden?
- Sind Erklärungen selbst einfach geschrieben?
- Funktionieren Inline-Erklärungen auf allen Geräten?
BFSG 2025 und rechtliche Konsequenzen
Unverständliche Texte führen zu Fehlern, Frustrationen und verpassten Geschäften. Für Menschen mit Leseschwächen oder kognitiven Einschränkungen können sie zum kompletten Ausschluss führen.
Besonders kritische Bereiche:
- Vertragsabschlüsse und AGBs
- Datenschutzerklärungen und Impressum
- Produktbeschreibungen und Anleitungen
- Hilfe- und Support-Texte
- Fehlermeldungen und Warnungen
Das BFSG macht verständliche Texte zur Pflicht. Websites mit Fachjargon und komplizierter Sprache riskieren rechtliche Konsequenzen – aber mehr noch: Sie verlieren Kunden, die ihre Inhalte nicht verstehen.
BarriGo. unterstützt Sie bei der Umsetzung
BarriGo.Live Inspect überprüft, ob die Seitensprache korrekt gesetzt ist und ob es widersprüchliche Sprachangaben gibt. Das Tool analysiert die Überschriftenstruktur, erkennt fehlende Hauptüberschriften oder Sprünge in der Hierarchie und prüft, ob Links und Buttons korrekt beschriftet sind. Außerdem weist es auf mögliche semantische Schwächen hin – zum Beispiel, wenn Listen, Tabellen oder Zitate nicht mit den passenden HTML-Elementen ausgezeichnet sind.
Der sprachliche Stil und die tatsächliche Verständlichkeit von Texten bleiben redaktionelle Aufgaben. Die technischen Hinweise von BarriGo.Live Inspect zeigen jedoch gezielt, wo strukturelle Verbesserungen notwendig sind, um Lesbarkeit und Orientierung für alle Nutzer zu erhöhen. So schaffen Sie nicht nur bessere Zugänglichkeit, sondern auch klarere Inhalte, die von allen schneller verstanden werden – ein Plus für Barrierefreiheit, Nutzerzufriedenheit und Conversion gleichermaßen.
Weiterführende Informationen finden Sie im offiziellen WCAG 2.2 Standard: WCAG 2.2 – Richtlinie 3.1 Lesbar