Vorhersehbar – Warum konsistente Websites Vertrauen schaffen

Die WCAG 2.1 Richtlinie 3.2 „Vorhersehbar“ (Predictable) stellt sicher, dass Websites sich konsistent und erwartungsgemäß verhalten. Mit dem BFSG 2025 wird dies für deutsche Unternehmen zur rechtlichen Pflicht – denn unerwartete Änderungen verwirren Nutzer und machen Websites unbenutzbar.

Stellen Sie sich vor, Sie klicken auf einen Link und plötzlich öffnet sich ein neues Fenster, ohne dass Sie das erwartet haben. Oder ein Formular wird automatisch abgeschickt, nur weil Sie in ein Eingabefeld geklickt haben. Oder die Navigation springt auf jeder Seite an eine andere Stelle. Solche unvorhersehbaren Verhaltensweisen frustrieren alle Nutzer – aber für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Screenreader-Nutzer oder Menschen mit eingeschränkter digitaler Erfahrung sind sie oft ein vollständiger Blocker. Sie verlieren d

Warum ist Vorhersehbarkeit so wichtig?

Vorhersehbarkeit schafft Vertrauen. Nutzer lernen schnell, wie eine Website funktioniert, und erwarten, dass sich dieses Verhalten über alle Seiten hinweg fortsetzt. Wenn jede Seite anders funktioniert oder unerwartete Dinge passieren, müssen Nutzer ständig neu lernen und bleiben unsicher.

Menschen mit kognitiven Einschränkungen sind besonders auf vorhersehbare Muster angewiesen. Sie haben Schwierigkeiten, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und unerwartete Änderungen zu verarbeiten. Screenreader-Nutzer verlieren bei plötzlichen Kontextänderungen den Überblick, wo sie sich befinden. Ältere Menschen oder unerfahrene Internet-Nutzer fühlen sich durch unerwartetes Verhalten überfordert und unsicher.

Aber auch alle anderen Nutzer profitieren von Vorhersehbarkeit: Sie navigieren schneller, machen weniger Fehler und haben mehr Vertrauen in Ihre Website. Eine vorhersehbare Website ist eine benutzerfreundliche Website.

Geltungsbereich:

Gilt für alle Unternehmen, die mehr als 9 Beschäftigte haben oder deren Jahresumsatz 2 Millionen Euro übersteigt.

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Webseiten, Plattformen, und Apps für den Austausch mit Kunden

Die wichtigsten Erfolgskriterien

Bei Fokus (Level A)

Wenn ein Element den Fokus erhält, darf dies keine Kontextänderung auslösen. Kontextänderungen sind nur erlaubt, wenn der Nutzer sie explizit anfordert.

Was sind Kontextänderungen?

  • Öffnen eines neuen Fensters oder Tabs
  • Wechsel zu einer anderen Seite
  • Signifikante Änderung des Seiteninhalts
  • Verschieben des Fokus zu einem anderen Element

Problematische Beispiele:

  • Ein Link öffnet automatisch ein neues Fenster, sobald er fokussiert wird
  • Beim Fokussieren eines Submit-Buttons wird das Formular automatisch abgeschickt
  • Der Fokus springt automatisch in ein anderes Eingabefeld
  • Die Seite scrollt automatisch beim Fokussieren eines Elements

Richtige Umsetzung: Fokus allein löst keine Änderungen aus. Aktionen erfolgen erst, wenn der Nutzer explizit Enter drückt oder klickt. So kann ein Tastatur-Nutzer durch alle Elemente navigieren, ohne versehentlich Aktionen auszulösen.

Bei Eingabe (Level A)

Das Ändern von Einstellungen in UI-Komponenten darf nicht automatisch zu Kontextänderungen führen, außer der Nutzer wurde vorher über das Verhalten informiert.

Problematische Beispiele:

  • Dropdown-Menü lädt sofort eine neue Seite, wenn eine Option ausgewählt wird (ohne Submit-Button)
  • Radio-Button ändert sofort den Seiteninhalt bei Auswahl
  • Checkbox aktiviert automatisch eine Funktion ohne Bestätigung
  • Text-Eingabe löst automatisch eine Suche aus (bei jedem Buchstaben)

Richtige Umsetzung:

  • Dropdown mit Submit-Button: „Land auswählen → [Weiter]-Button“
  • Information vor automatischem Verhalten: „Ihre Auswahl lädt automatisch neue Inhalte“
  • Explizite Bestätigung erforderlich: „Änderungen übernehmen“-Button
  • Bei Auto-Complete: Nutzer muss aus Vorschlägen explizit wählen

Ausnahmen: Wenn das automatische Verhalten erwartet und üblich ist, kann es akzeptabel sein – etwa ein Schieberegler, der Live-Vorschau zeigt, oder ein Suchen-während-Tippen-Feld, wenn dies klar kommuniziert ist.

Konsistente Navigation (Level AA)

Navigationsmechanismen, die auf mehreren Seiten wiederholt werden, müssen in der gleichen relativen Reihenfolge erscheinen – außer der Nutzer initiiert selbst eine Änderung.

Was bedeutet das konkret?

  • Das Hauptmenü steht auf allen Seiten an der gleichen Position
  • Die Reihenfolge der Menüpunkte bleibt über alle Seiten gleich
  • Footer-Links erscheinen immer in der gleichen Anordnung
  • Das Suchfeld befindet sich immer am gleichen Ort
  • Breadcrumbs sind konsistent positioniert

Warum ist das wichtig? Menschen lernen schnell, wo sich wichtige Navigationselemente befinden. Wenn diese auf jeder Seite woanders sind, müssen Nutzer jedes Mal neu suchen. Das kostet Zeit und Energie – besonders für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Screenreader-Nutzer.

Erlaubte Änderungen:

  • Nutzer kann selbst die Reihenfolge ändern (z.B. personalisiertes Menü)
  • Zusätzliche Navigation auf Unterseiten (z.B. Submenü im Produktbereich)
  • Kontextabhängige Aktionen (z.B. „Zurück zum Warenkorb“ im Checkout)

 

Konsistente Identifikation (Level AA)

Komponenten mit der gleichen Funktionalität müssen über alle Seiten hinweg konsistent identifiziert werden.

Was bedeutet das?

  • Ein Suchefeld-Icon sieht überall gleich aus und heißt überall „Suche“
  • Der „Warenkorb“ heißt nicht auf einer Seite „Warenkorb“ und auf der nächsten „Einkaufswagen“
  • Ein „Drucken“-Button nutzt überall das gleiche Icon und die gleiche Beschriftung
  • Download-Links verwenden konsistent das gleiche Symbol

 

Beispiele für Inkonsistenz:

  • Suchfunktion: Mal Lupe-Icon, mal „Suche“-Text, mal „Finden“
  • Navigation: Mal Hamburger-Menü, mal „Menü“-Button, mal Liste
  • Schließen: Mal „X“, mal „Schließen“, mal „Abbrechen“

 

Best Practice: Erstellen Sie ein Styleguide mit festgelegten Begriffen und Icons für alle wiederkehrenden Funktionen. Dokumentieren Sie, wie bestimmte Aktionen benannt und dargestellt werden.

Testing und Qualitätssicherung

Konsistenz-Tests:

  • Navigieren Sie durch alle Hauptseiten
  • Ist die Navigation immer am gleichen Ort?
  • Sind Menüpunkte in gleicher Reihenfolge?
  • Werden gleiche Funktionen gleich bezeichnet?
  • Sehen gleiche Elemente überall gleich aus?

Fokus-Tests:

  • Tabben Sie durch die Seite
  • Passiert etwas Unerwartetes beim Fokussieren?
  • Werden Links/Buttons erst bei Enter aktiviert?
  • Springt der Fokus unerwartet?

Formular-Tests:

  • Ändern Sie Dropdown-Werte – lädt die Seite automatisch?
  • Gibt es Submit-Buttons oder automatisches Absenden?
  • Werden Nutzer über automatisches Verhalten informiert?
  • Können Auto-Complete-Funktionen kontrolliert werden?

Neue-Fenster-Tests:

  • Welche Links öffnen neue Fenster?
  • Werden Nutzer vorher gewarnt?
  • Ist das neue Fenster wirklich notwendig?

BFSG 2025 und rechtliche Konsequenzen

Unvorhersehbares Verhalten führt zu Frustration, Fehlern und Abbrüchen. Für Menschen mit Behinderungen kann es Websites vollständig unbenutzbar machen.

Besonders kritische Bereiche:

  • Formulare mit automatischen Submissions
  • Navigation, die auf jeder Seite anders ist
  • Links, die unerwartet neue Fenster öffnen
  • Dropdown-Menüs, die automatisch Seiten wechseln
  • Inkonsistente Bezeichnungen für gleiche Funktionen

Das BFSG macht vorhersehbares Verhalten zur Pflicht. Websites mit überraschenden Kontextänderungen, inkonsistenter Navigation oder uneinheitlichen Bezeichnungen riskieren rechtliche Konsequenzen.

Positive Effekte:

  • Höhere Conversion-Rates durch weniger Abbrüche
  • Bessere Nutzerzufriedenheit
  • Weniger Support-Anfragen
  • Stärkeres Markenvertrauen

BarriGo. unterstützt Sie bei der Umsetzung

BarriGo.Live Inspect hilft Ihnen dabei, potenziell verwirrendes oder unvorhersehbares Verhalten frühzeitig zu erkennen. Das Tool prüft, ob interaktive Elemente korrekt fokussierbar sind, ob Titel und Überschriften sinnvoll vergeben wurden und ob Bedienelemente die erwarteten Zustände kommunizieren.

Für dynamische Änderungen – etwa wenn sich Inhalte beim Fokus verschieben, Seiten automatisch neu laden oder Begriffe uneinheitlich verwendet werden – empfiehlt sich ergänzend ein manueller Test mit Tastatur und Screenreader. So stellen Sie sicher, dass Ihre Website sich vorhersehbar und konsistent verhält.

Weiterführende Informationen finden Sie im offiziellen WCAG 2.2 Standard: WCAG 2.2 – Richtlinie 3.2 Vorhersehbar