Eingabemodalitäten: So wird Ihre Website für alle Eingaben nutzbar
Die WCAG 2.1 Richtlinie 2.5 „Eingabemodalitäten“ (Input Modalities) stellt sicher, dass Nutzer auf verschiedene Arten mit Inhalten interagieren können. Mit dem BFSG 2025 wird dies für deutsche Unternehmen zur rechtlichen Pflicht – denn nicht jeder bedient Websites mit Maus und Tastatur.
Stellen Sie sich vor, Sie möchten einen Button klicken, treffen ihn aber ständig nicht, weil er zu klein ist. Oder Sie wollen eine Geste auf dem Touchscreen ausführen, schaffen aber die komplexe Mehrfinger-Bewegung nicht. Solche Probleme erleben täglich Millionen von Menschen: Menschen mit motorischen Einschränkungen, die zitternde Hände haben, ältere Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik, Nutzer von Sprachsteuerung oder Menschen, die mit nur einer Hand bedienen müssen. Wenn Ihre Website nur für perfekte Maus-Präzision optimiert ist, schließen Sie all diese Menschen aus.
Warum sind flexible Eingabemöglichkeiten wichtig?
Moderne Geräte bieten vielfältige Eingabemethoden: Touchscreens, Maus, Tastatur, Stift, Sprachsteuerung, Eye-Tracking und mehr. Menschen mit Behinderungen nutzen oft assistive Technologien, die diese Eingabemethoden simulieren oder kombinieren. Eine Website, die nur auf eine spezifische Eingabeart ausgelegt ist, schließt automatisch große Nutzergruppen aus.
Menschen mit Tremor oder anderen motorischen Einschränkungen haben Schwierigkeiten mit präzisen Bewegungen. Sie benötigen großzügige Klickbereiche und tolerante Interaktionen. Menschen, die nur eine Hand nutzen können, schaffen keine komplexen Mehrfinger-Gesten. Sprachsteuerungs-Nutzer müssen alle Funktionen auch ohne Zeigergerät aktivieren können. Diese Anforderungen klingen komplex, lassen sich aber mit durchdachtem Design und Entwicklung gut umsetzen.
Geltungsbereich:
Gilt für alle Unternehmen, die mehr als 9 Beschäftigte haben oder deren Jahresumsatz 2 Millionen Euro übersteigt.
ONLINE -INTERAKTIONEN:
Webseiten, Plattformen, und Apps für den Austausch mit Kunden
Die wichtigsten Erfolgskriterien von 2.5 Eingabemodalitäten
Zeigergesten (Level A)
Alle Funktionen, die Mehrpunkt- oder pfadbasierte Gesten erfordern, müssen auch mit Einzelpunkt-Gesten bedienbar sein – außer wenn die Mehrpunkt-Geste essentiell ist.
Problematische Gesten:
- Pinch-to-Zoom ohne Alternative
- Wischen mit mehreren Fingern
- Komplexe Pfad-Gesten (Z-Form zeichnen)
- Drag-and-Drop ohne Alternative
Gute Alternativen:
- Zoom-Buttons zusätzlich zu Pinch-Gesten
- Vor/Zurück-Buttons zusätzlich zum Wischen
- Einfache Klicks oder Taps für alle Aktionen
- Optionale Tastatureingabe statt Drag-and-Drop
Dies bedeutet nicht, dass Sie keine Gesten verwenden dürfen – aber es muss immer eine einfachere Alternative geben.
Abbruch oder Widerruf von Zeigereingaben (Level A)
Aktionen sollten erst beim Loslassen ausgelöst werden (up-Event), nicht beim Drücken (down-Event). Dies ermöglicht Nutzern, versehentlich begonnene Aktionen abzubrechen.
Sichere Implementierung:
- Click-Event auf mouseup/touchend, nicht auf mousedown/touchstart
- Möglichkeit, den Zeiger vor dem Loslassen wegzubewegen
- Bestätigungsdialog bei kritischen Aktionen
- Rückgängig-Funktion nach der Aktion
Ausnahme: Das down-Event ist essentiell (z.B. Klaviertasten-App, Zeichenprogramme) oder ein Mechanismus zum Abbrechen ist vorhanden.
Beschriftung im Namen (Level A)
Wenn eine Benutzeroberfläche Text oder Bilder als Label enthält, muss der programmatische Name (accessible name) diesen Text enthalten. Dies ist wichtig für Sprachsteuerungs-Nutzer.
Beispiele:
- Sichtbarer Button-Text: „Jetzt kaufen“ → accessible name muss „Jetzt kaufen“ enthalten
- Icon mit Text „Suche“ → accessible name muss „Suche“ enthalten
- Nicht: sichtbar „Absenden“, programmatisch „Submit-Button“
Sprachsteuerungs-Nutzer sagen „Klick Jetzt kaufen“ – das funktioniert nur, wenn der sichtbare Text im programmatischen Namen enthalten ist.
Bewegungsaktivierung (Level A)
Funktionen, die durch Gerätebewegung (Schütteln, Kippen) oder Nutzerbewegung ausgelöst werden, müssen auch durch herkömmliche Benutzerschnittstellen bedienbar sein.
Anforderungen:
- Bewegungsaktivierung kann deaktiviert werden
- Alternative Bedienung über UI-Komponenten verfügbar
- Ausnahme: Bewegung ist essentiell oder vom Betriebssystem unterstützt
Beispiele:
- „Schütteln zum Zurücksetzen“ braucht auch einen Reset-Button
- „Kippen zur Steuerung“ braucht Pfeiltasten oder Buttons
- Schrittzähler-Apps dürfen Bewegung als primäre Funktion nutzen
Zielgröße (Minimum) – Level AA (Aktualisiert in WCAG 2.2)
Klick- oder Touch-Ziele sollten mindestens 24×24 CSS-Pixel groß sein, mit einigen Ausnahmen.
Anforderungen:
- Mindestgröße 24×24 CSS-Pixel für Klickbereich
- Oder: ausreichender Abstand zu anderen Zielen
- Oder: Inline-Elemente in Fließtext (Links in Absätzen)
- Oder: vom Betriebssystem kontrolliert
- Oder: spezifische Darstellung ist essentiell
Dies ersetzt das strengere Level AAA Kriterium aus WCAG 2.1 (44×44 Pixel) mit einem pragmatischeren Ansatz.
Drag-Bewegungen (Level AA – Neu in WCAG 2.2)
Alle Drag-and-Drop-Funktionen müssen auch ohne Ziehen bedienbar sein – durch einfache Zeigereingaben wie Klicks.
Umsetzung:
- Alternative Buttons: „Nach oben“, „Nach unten“, „Löschen“
- Klick-basierte Auswahl und Positionierung
- Copy-Paste als Alternative
- Tastatursteuerung zusätzlich
Ausnahme: Das Ziehen ist essentiell oder die Funktion wird vom User Agent bestimmt (Browser-eigene Funktionen).
Praktische Umsetzung
Ausreichende Klickbereiche gestalten
Auch wenn ein Icon oder Text kleiner ist, sollte der klickbare Bereich mindestens 24×24 Pixel (besser 44×44) betragen.
CSS-Technik:
- Padding hinzufügen, um Klickbereich zu vergrößern
- ::before oder ::after Pseudo-Elemente für unsichtbare Klickfläche
- Mindestabstände zwischen interaktiven Elementen
- Touch-Target-Größe in mobilen Designs besonders beachten
Gesten mit Alternativen anbieten
Image-Galerie Beispiel:
- Wischen funktioniert für Touch-Nutzer
- Zusätzlich: Vor/Zurück-Buttons für alle
- Tastatursteuerung mit Pfeiltasten
- Thumbnails zum direkten Ansteuern
Zoom-Funktionalität:
- Pinch-to-Zoom auf Touch-Geräten
- Plus/Minus-Buttons für alle Nutzer
- Browser-Zoom unterstützen
- Tastaturkürzel (Strg/Cmd + Plus/Minus)
Sichere Button-Implementierung
Click-Event richtig setzen:
- Standard-Button-Elemente verwenden (<button>)
- Click-Events werden automatisch auf „up“ gefeuert
- Bei Custom-Implementations: mouseup/touchend verwenden
- Visuelles Feedback beim Drücken (active-State)
Kritische Aktionen absichern:
- Bestätigungsdialoge bei „Löschen“ oder „Kaufen“
- Rückgängig-Funktion anbieten
- Undo-Mechanismus für versehentliche Aktionen
Sprachsteuerungs-freundliche Labels
Wichtige Prinzipien:
- Sichtbarer Text = Programmatischer Name
- Bei Icons mit Text: Text im accessible name
- Bei Icons ohne Text: eindeutiger aria-label
- Konsistente Bezeichnungen über die Website
Beispiel:
- Sichtbar: „Warenkorb“ → aria-label=“Warenkorb“ oder „Zum Warenkorb“
- Nicht: Sichtbar „Warenkorb“ → aria-label=“Shopping Cart Button“
Drag-and-Drop alternativ gestalten
Listen sortieren:
- Drag-Handles für visuelles Feedback
- Zusätzlich: Hoch/Runter-Buttons bei jedem Element
- Tastatur: Fokus + Pfeiltasten + Enter zum Verschieben
- Visuelle Rückmeldung bei allen Methoden
Datei-Upload:
- Drag-and-Drop-Bereich für schnelles Hochladen
- Zusätzlich: „Datei auswählen“-Button
- Tastatur-zugänglich über nativen Datei-Dialog
- Multiple-File-Upload ermöglichen
Mobile-First-Ansatz
Touch-optimiertes Design:
- Großzügige Touch-Targets (min. 44×44 Pixel)
- Ausreichende Abstände zwischen Elementen
- Vermeidung von Hover-abhängigen Funktionen
- Testen auf echten Mobilgeräten
BFSG 2025 und rechtliche Konsequenzen
Eingabemodalitäten sind ein relativ neues, aber wichtiges Thema in der digitalen Barrierefreiheit. Mit der zunehmenden Verbreitung von Touch-Geräten, Sprachsteuerung und assistiven Technologien werden diese Anforderungen immer relevanter.
Besonders kritische Bereiche:
- Mobile Apps und responsive Websites
- Interaktive Tools und Konfiguratoren
- Drag-and-Drop-Interfaces (Sortieren, Organisieren)
- Gestenbasierte Navigation
- Spiele und interaktive Anwendungen
Das BFSG macht flexible Eingabemöglichkeiten zur Pflicht. Websites, die nur auf Mauseingaben oder komplexe Gesten ausgelegt sind, diskriminieren Menschen mit motorischen Einschränkungen und verstoßen gegen geltendes Recht.
Vorteile guter Eingabemodalitäten:
- Bessere mobile Nutzererfahrung für alle
- Höhere Conversion-Rates durch weniger Abbrüche
- Zukunftssicher für neue Eingabemethoden
- Positive Markenwahrnehmung
BarriGo. unterstützt Sie bei der Umsetzung
BarriGo.Live Inspect hilft Ihnen dabei, Steuerelemente für verschiedene Eingabemethoden zugänglich zu gestalten. Das Tool prüft, ob der sichtbare Button-Text im zugänglichen Namen enthalten ist (wichtig für Sprachsteuerung), ob interaktive Elemente ausreichend groß und per Tastatur erreichbar sind und ob Bedienelemente technisch korrekt ausgezeichnet sind.
Für komplexe Zeigergesten oder Bewegungssteuerungen empfiehlt sich ergänzend ein manueller Test – am besten auf echten Geräten, um sicherzustellen, dass Tippen, Sprache und Tastatur gleichermaßen gut funktionieren.
Weiterführende Informationen finden Sie im offiziellen WCAG 2.2 Standard: WCAG 2.2 – Richtlinie 2.5 Eingabemodalitäten